Montag 20ten (20. Dezember 1875)

Cosima Wagner Tagebücher

Weihnachtsbesorgungen – dazu viele Freude an den Kleinen, tiefes Leid bedeckend! – – R. hat mit Freund Feustel zu konferieren, Herr Fürstner und Herr Batz haben sich die Hand gereicht, um ihn um alles zu bringen! Er wird wohl gegen beide Prozeß zu führen haben; gräßliche Einblicke in die Nichtswürdigkeit der Menschen. – 

Hübscher Brief des Wagnervereines aus München. Auch des Chorpersonales aus Wien. – Dem voran als erste Nachricht aus Wien, daß die Direktion Frl. Siegstädt [1] nicht gestattet, zur Siegrune nach Bayreuth zu kommen. R. sehr aufgebracht! Schreibt an den Intendanzrat, Herrn Lewy [2], einen Brief, welchen ich in der Befürchtung, daß er Übles anstifte, an Bon Hofmann mit der Bitte, alles zu ordnen, adressiere. Abends bringen uns die von Herrn Pecht mir zugesendeten Illustrationen von Shakespeare auf »Ende gut, alles gut«, R. liest es vor, und wiederum wie mit einem Zauberschlag heilt die Nähe des Genius von allen trüben Gedanken; wie herrlich der König, großartig die Mutter, lebensvoll vornehm Lafeu, wie kunstvoll ausgebildet die Gespräche der Edelleute; die Scene vor dem König mit dem Ring wie fesselnd! – – – 


[1] Sängerin in Wien, das Engagement für Siegrune kam nicht zustande. 

[2] Richard Lewy (1827-1883), 1870-80 musikalischer Oberinspektor der Wiener Hofoper. 


Dieser Inhalt kann nicht kopiert werden. / This content cannot be copied.