Dienstag 21ten und Mittwoch 22ten (21. und 22. Dezember 1875)

Cosima Wagner Tagebücher

Weitere Weihnachtsbesorgungen mit schwer gebeugtem mütterlichem Herzen! – R. konferiert wiederum mit Herrn Feustel wegen seiner Geschäfte, er hat an Herrn Voltz geschrieben, daß er mit Herrn Batz nichts mehr zu tun haben will! Der Prozeß gegen Herrn Fürstner wird eingeleitet, ob aber mit Aussicht? … Herr Feustel sagte mir dazu, daß ein Herr Lucy, Notar aus Paris, sich bei dem Präsident des Wagner-Vereines in München (H. v. Baligand) erkundigt habe, wie denn jetzt die Vermögensverhältnisse R.’s wären. Aus Amerika bittet man ihn um eine Einweihungskomposition [1] für die Ausstellung, vielleicht wird er sich darauf einlassen. – Die Hauptschwierigkeit bleiben jetzt die Zahlungen, da die 30000 Thaler des Reichsfonds ausbleiben. R. erklärt sich bereit, nach den Aufführungen überall Konzerte zu geben, allein das ist keine Gewähr, um Gelder aufnehmen zu können. R. könnte sterben, heißt es. R. frug mich, ob ich glaubte, daß die Sache überhaupt zustande käme. – R. bemerkt, daß er nun vier Jahre wieder keine Note geschrieben; wie mich dies schmerzt! …

Herr O. Beta [2] hat seine Broschüre über die Juden, als Manuskript gedruckt, geschickt; sie ist schlecht geschrieben, stillos, enthält aber merkwürdige Blicke in das heutige Wesen der Dinge; die Melancholie des Antonio Shylock gegenüber, mit dem jetzigen Gebaren der Deutschen den Juden gegenüber [verglichen], ist sehr gut empfunden. – Herr Groß kommt des Abends mit einem Schreiben des Herrn Scaria, derselbe fordert für den Monat August 2700 Thaler und für jeden Probe-Abend 250 Mark – R. verzichtet auf die Mitwirkung dieses Herrn. Nun muß er sich nach einem neuen Hagen umsehen! … Abends ein wenig musiziert mit Herrn Rubinstein. R. trotz allem und allen schöner heitrer Laune. 


[1] Großer Festmarsch zur Eröffnung der hundertjährigen Gedenkfeier der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika; RW beendet die Partitur am 17. März 1876 und erhält dafür 5000 Dollar. 

[2] Ottomar Beta, Schriftsteller und Mitarbeiter des Berliner Tageblatts, vgl. Anm. zu 15. Mai 1873. 


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