Donnerstag 30ten (30. Dezember 1875)

Cosima Wagner Tagebücher

Ich träumte davon, daß Kinowsky sich in die Eisenbahn gesetzt, um R. zu ermorden, R. dagegen träumt lieblich, und Fidi träumt sehr schön von seines Vaters Geburtstag, was sehr schön zu meinen Gedanken stimmt, welche sich des öfteren jetzt schon mit R.’s Geburtstag beschäftigen. – R. schreibt an Frau Wesendonck, auch wegen des Vorschusses! … Ich mache Besuche. Abends erhalte ich einen hübschen Brief von Marie Hohenlohe; R. schreibt an Herrn Scaria, welcher einfach mit einer Karte die Partie zurückgeschickt hat; er will sich nichts in dieser Sache vorzuwerfen haben. Abends eine herrliche Novelle von Lope de Vega [1] gelesen (den Titel nicht beachtet, wie gewöhnlich, Hauptpersonen Laura, Kisardo, Marcelo) – Gedanken, daß die jetzige Waffengröße Deutschlands eine ephemere, wie in der Geschichte derlei häufige Erscheinungen! … Amerika und Rußland die Zukunft. Die jetzige volkswirtschaftliche Kalamität zeigt zu klar, daß unser Staatsmann eben kein Staatsmann, sondern nur ein Diplomat, nach außen hin Sehender ist. Wir haben jetzt die Goldwährung und nirgends Gold. – – Dabei blüht Frankreich. 


[1] Lope de V. Carpio (1526-1635), span. Dichter, seine Novellen übersetzte L. Richard, »Lope de Vegas romantische Dichtungen«, 9 Bde. 1824-28. 


Dieser Inhalt kann nicht kopiert werden. / This content cannot be copied.