Kann Kunst demokratisch sein?

Ein Text von Dr. Barbara Fischer

Kann Kunst demokratisch sein? Kunst ist die Tochter der Freiheit hat Friedrich Schiller 1795 in einem seiner Briefe Über die ästhetische Erziehung des Menschen formuliert.


Er schrieb:
„Der Lauf der Begebenheiten hat dem Genius der Zeit eine Richtung gegeben, die ihn je mehr und mehr von der Kunst des Ideals zu entfernen droht. Diese muss die Wirklichkeit verlassen, und sich mit anständiger Kühnheit über das Bedürfnis erheben; denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit, und von der Notwendigkeit der Geister, nicht von der Notdurft der Materie will sie ihre Vorschrift empfangen.


Für ihn war Kunst existenzielle Lebensgrundlage und Ästhetik ein Mittel der Selbsterziehung, das mit der freien Selbstbestimmung verbunden ist.


Selbstbestimmung des Einzelnen als Teil eines gesellschaftlichen Ganzen verstehen wir heute unter Demokratie. Demokratie ist kein selbstverständliches Privileg, genauso wie Kunst muss sie gepflegt und immer wieder hinterfragt werden. In dieser Hinsicht ist sie auf Kunst angewiesen, weil Kunst ihren Blick auf bestehende oder drohende Missstände richtet. Autoritäre Machthaber hatten und haben immer Angst vor der Freiheit der Kunst, weil Kunst sich kritisch mit ihrer Umgebung auseinandersetzt und in ihrer Unbestimmtheit zum Nachdenken auffordert, ohne didaktisch zu sein. Ihr offener Charakter ist gefährlich für Diktaturen.


Wir haben Beispiele in unserer eigenen Geschichte. Im Nationalsozialismus wurden öffentlich Bücher von Autoren verbrannt, die nicht in die herrschende Ideologie gepasst hatten. Kunstwerke, die nicht als System konform erachtet wurden, waren als entartet und undeutsch verdammt.


Nur in demokratischen Staaten ist freie Meinungsäußerung lebbar. In Artikel 5 unseres Grundgesetzes heißt es seit der Gründung der Bundesrepublik: Kunst, Wissenschaften, Forschung und Lehre sind frei.


Darf Kunst alles? Einerseits muss Kunst autonom sein, sie ist in ihrer Selbstbestimmung ultimativer Ausdruck unserer Demokratie. Andererseits schließt sie dadurch die unmittelbare Mitbestimmung durch die Gesellschaft eindeutig aus. In einer Demokratie kann keine Instanz über Kunst bestimmen. Kunst kann unverständlich sein, sie kann strapazieren, kann provozieren, zum Nachdenken über die Welt, die Gesellschaft, über Diskriminierung, über unseren Umgang mit Ressourcen, anregen. Sie kann moralische Fragen aufwerfen. Sie kann sich selbst und ihre eigenen Methoden hinterfragen. Sie ist ein unersetzliches Reflexionsmedium und daher unverzichtbar und schützenswert.


Ein Kunstwerk ist das einzigartige Ergebnis eines einzigartigen Temperaments. Es weckt das Bewusstsein für die Individualität und die Verschiedenheit der Menschen. Manche sind radikal, manche zurückhaltend, manche laut, manche leise, manche rau, manche sanft, manche ironisch und humorvoll. Manche äußerst anstrengend, sogar verletzend.
Es stellt sich die Frage nach verbindlichen Grenzen für die Kunst.


Freiheit bedeutet auch Verantwortlichkeit. Schutz der Menschenwürde, Schutz der Persönlichkeitsrechte, Jugendschutz müssen gewährleistet sein. Auch in der Kunst. Sie sind ebenso gesetzlich verankert wie die Freiheit zur Selbstverwirklichung.


Künstlerinnen und Künstler spiegeln ihren Blick auf die Realität in einem schöpferischen Akt, der sich von der gewohnten Realität unterscheidet. Sie kreieren eine imaginäre oder fiktionale Realität. Der Philosoph Arthur Schopenhauer sieht diese individuelle Art der Verdeutlichung der Welt als Schauspiel im Schauspiel.


Als Kunstliebhaber liegt es nun an mir, wie sehr ich mich auf dieses Schauspiel einlassen möchte. Ich kann qua meiner empathischen Fähigkeiten mich in ein Kunstwerk einfühlen und dabei auf meine Stimmungen achten. Bin ich erstaunt, amüsiert, beängstigt, verblüfft oder schockiert? Instinktiv kann ich mich gegen ein Kunstwerk wehren, weil es meine Werte oder meine religiösen Auffassungen angreift.


Es gibt keinen idealen Kunstliebhaber, der sich in jedes Werk einfühlen kann oder sich mit ihm identifizieren kann. Auch gibt es keine oberste Instanz, die ein Monopol auf ein ästhetisches Urteil haben könnte. Dazu müsste sie alle Kunstwerke dieser Welt kennen und vergleichen können. Kunsterfahrung ist nicht statisch. Ich kann heute etwas anders sehen als früher. Bisherige Überzeugungen bleiben unbestätigt und werden durch neue Erfahrungen ersetzt. Wir sind Teil einer Vielfalt von Prozessen. Ich kann plötzlich einen Zugang zu einem Kunstwerk finden, was mich früher überfordert hat. Kunst hat das Potential Erkenntnisse und Veränderungen in gesellschaftlichen Prozessen anzustoßen. Sie konfrontiert uns damit, dass Dinge auch anders sein können.


Insofern, so meine ich ist ihre Bedeutung für eine demokratische Entwicklung wichtig. Auch wenn sie mitunter als zu autonom und unverständlich empfunden wird. Im idealen Fall fördert solch eine Empfindung das Engagement, sich für oder gegen sie auszudrücken.
Mit dieser Schlussbemerkung möchte ich sie, euch einladen, sich von diesem wunderbaren Tisch für ein Kunstgespräch anregen zu lassen. Und aktiv den freien Platz zu besetzen, um teilzunehmen.

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