Dienstag 19ten (19. Mai 1874)

Cosima Wagner Tagebücher

Uns der Sprichwörter erinnert – über Erziehung gesprochen (unselig das Wissen ohne Taten, unselig der Mann ohne Wissen (u.s.w.)). Viel weniger auf Wissen darin gegeben als auf ästhetisches Gefühl, schönes sprechen, schöne Gebärden – die Griechen darin das Richtige erkannt und gefunden. Was wäre das Schöne für die Deutschen? Das Ehrbare, Züchtige. Von da auf den Staat und die schöne physiologische Auffassung desselben seitens C. Frantz[i]; nur darin habe er sich geirrt, daß er die kleinen deutschen Höfe für naturgemäße Entwicklungen gehalten sowie den alten deutschen Bund, welche nur Schöpfungen der Konvention und Abstraktion gewesen sind. 

Am Nachmittag Depesche von Frau v. Meyendorff, sie kommt morgen an. Vorbereitungen. –

Am Morgen erzählte mir R., daß er häufig seine Träume fortfahre und erwache, indem er sich sagte – Gott, das habe ich ja schon geträumt. –


[i] Vorschule zur Physiologie der Staaten (1857) von Constantin Frantz (1871-1891), deutscher Philosoph, Publizist, Mathematiker und Politiker

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