Der Palast Rüdigers – zerfallen zu Staub

FOLGE 02 – ENNS – PÖCHLARN

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Pöchlarn

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48.211290458424, 15.212972743312

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ENNS – PÖCHLARN

Folge 02 der Serie: “Das Nibelungenlied in Österreich – Eine Spurensuche”

Von Gerald Polzer mit Photos von Doris Schulz
Gebiet Oberösterreich  

Ense, das heutige Enns, war nach der Schaunburg bei Eferding das nächste Reiseziel Kriemhilds und ihres vielköpfigen Trosses. Hier wurde in prächtig ausgestatteten Zelten übernachtet, um für die rund siebzig Kilometer lange Tagesreise nach Bechelaren ausgeruht zu sein.


„Über die Traune kamen sie · bei Ense auf das Feld;
Da sah man aufgeschlagen · Hütten und Gezelt,
Daß gute Ruhe fänden · die Gäste bei der Nacht.
Für ihre Kost zu sorgen · war der Markgraf bedacht.“

Strophe 1354

Einundzwanzigstes Abenteuer. Wie Kriemhild zu den Heunen fuhr.
(Das Nibelungenlied, in der Übersetzung von Karl Simrock.)

Wer sich heute vom Eferdinger Becken nach Pöchlarn aufmacht, erreicht bei Ybbs den sogenannten Nibelungengau. Dessen erste Sehenswürdigkeit ist das monumentale Relief „Der Nibelungenzug“ am Schleusenportal des Donaukraftwerks Persenbeug. Es wurde von Oskar Thiede in den 1950er Jahren geschaffen und ist ein in Stein gehauenes Monument voller Kraft und Dynamik. Überlebensgroße Ritter mit Pferden, Schilden und Schwertern streben donauaufwärts ihrem Ziel entgegen und vermitteln unbändigen Willen – ein herausragendes Werk des Wiener Bildhauers. 

Weiter geht es nach Pöchlarn, dem damaligen Sitz des Markgrafen Rüdiger von Bechelarn, der als Sagengestalt Dietrich von Bern legendäre Berühmtheit erlangte. Seine Figur ist ein bestes Beispiel für das Zusammenspiel von Dichtung und Wahrheit im Nibelungenlied. Es gibt keinen sicheren Beweis für die tatsächliche Existenz Rüdigers, trotzdem wirken Story und Darstellung seiner Persönlichkeit echt und glaubhaft. Die Burg des Markgrafen war ein mächtiger Palast, von dem kein Stäubchen mehr zu finden ist: Hier stand vermutlich die römerzeitliche Befestigung „Herilungoburg“, welche bereits im Jahre 832 urkundlich erwähnt wurde und über Jahrhunderte als Wahrzeichen an der Donau galt. Umbauten und Überschwemmungen haben sie im Laufe der Jahrhunderte als Burganlage vernichtet.

Nur einen Steinwurf entfernt baut sich ein Monument wahrlicher Größe auf: 1987 von Heinz Knapp gestaltet, symbolisiert es den europäischen Friedensgedanken durch eine Phalanx in Stein gegossener Städtewappen. Von Worms bis Verona reicht die Palette der vierzehn Handlungsorte. Flankiert wird das Denkmal von Texttafeln, die den Pöchlarnbezug im Originaltext des Nibelungenliedes und eine Liste der handelnden Personen anführen.  

Nibelungendenkmal in Poechlarn ©Doris Schulz
Nibelungendenkmal in Poechlarn ©Doris Schulz
Nibelungendenkmal in Poechlarn ©Doris Schulz
Nibelungendenkmal in Poechlarn ©Doris Schulz

Klein und bescheiden wirkt im Gegensatz dazu der Nibelungenbrunnen von Oskar Höfinger im nahen Park an der Sandthorstraße. Die Steinskulptur von 1960 verjüngt sich auf mehreren Ebenen nach oben und wird durch eine Doppelfigur abgeschlossen. Diese symbolisiert durch Kopfschmuck, Kleidung und Bewaffnung Ritter des Mittelalters und Protagonisten des Nibelungenliedes.   


TIPP:

Pöchlarn hat neben Erinnerungen an das Epos ein hervorragendes Kokoschka-Museum zu bieten – in dessen Geburtshaus kann man von Mai bis Oktober Sommerausstellungen besuchen. 1921 werden Zeichnungen aus seiner Jugendzeit, Aquarelle der Jahre in Dresden sowie Akte und Landschaften aus Oskar Kokoschkas Exil gezeigt – ein etwas anderer Blick auf den Großmeister des Expressionismus.  
Kokoschka Haus Pöchlarn, Regensburger Straße 29, 3380 Pöchlarn, www.oskarkokoschka.at  


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